MS und der Darm: Wie das Mikrobiom den Krankheitsverlauf beeinflusst
Wenn du mit Multipler Sklerose lebst, kennst du vielleicht nicht nur neurologische Beschwerden. Auch Darmprobleme bei MS können den Alltag ganz schön belasten: Verstopfung, Durchfall, Blähungen oder ein unregelmäßiger Stuhlgang sind für viele Betroffene unangenehm und manchmal schwer einzuordnen.
Gleichzeitig rückt der Darm in der MS-Forschung immer stärker in den Mittelpunkt. Das sogenannte Mikrobiom – also die Gesamtheit der Mikroorganismen im Darm – steht über das Immunsystem und verschiedene Stoffwechselprodukte mit dem Körper in Verbindung. Forscher:innen untersuchen deshalb, ob Veränderungen des Mikrobioms mit Entzündungsprozessen und dem Krankheitsverlauf bei MS zusammenhängen.
Die Forschung ist spannend, aber noch nicht an einem Punkt, an dem sich daraus einfache Therapieempfehlungen ableiten lassen. In diesem Artikel erfährst du, was bisher über MS und den Darm bekannt ist, warum das Mikrobiom interessant ist und was du bei Darmbeschwerden beachten kannst.
MS und Darm: Das Wichtigste kurz zusammengefasst
- MS und der Darm stehen über das Immunsystem, Stoffwechselprozesse und die sogenannte Darm-Hirn-Achse miteinander in Verbindung.
- Bei Menschen mit MS wurden Unterschiede in der Zusammensetzung des Darmmikrobioms beobachtet. Die Bedeutung dieser Veränderungen ist aber noch nicht abschließend geklärt.
- Das Mikrobiom könnte beeinflussen, wie das Immunsystem auf bestimmte Reize reagiert. Ob und wie stark es den MS-Krankheitsverlauf beeinflusst, ist Gegenstand aktueller Forschung.
- Darmprobleme bei MS können verschiedene Ursachen haben und sollten nicht automatisch auf das Mikrobiom zurückgeführt werden.
- Eine ausgewogene, ballaststoffreiche Ernährung kann grundsätzlich Teil eines gesundheitsfördernden Lebensstils sein. Eine spezielle „MS-Darm-Diät“ ist bisher nicht ausreichend wissenschaftlich belegt.
- Probiotika und andere Interventionen zur gezielten Veränderung des Mikrobioms werden erforscht. Sie sind derzeit kein Ersatz für eine etablierte MS-Therapie.
Was hat der Darm mit Multipler Sklerose zu tun?
Der Darm ist weit mehr als ein Verdauungsorgan. In ihm leben Milliarden von Mikroorganismen – darunter vor allem Bakterien, aber auch andere Mikroorganismen. Zusammen bilden sie das Darmmikrobiom.
Diese Mikroorganismen stehen in engem Austausch mit dem Immunsystem. Sie verarbeiten Bestandteile unserer Nahrung und produzieren dabei unter anderem Stoffwechselprodukte, die wiederum auf Immunzellen wirken können.
Das ist für MS interessant, weil Multiple Sklerose eine Erkrankung ist, bei der das Immunsystem eine zentrale Rolle spielt. Vereinfacht gesagt, beschäftigen sich Forscher:innen deshalb mit der Frage: Können Veränderungen im Darmmikrobiom die Immunreaktion beeinflussen, die bei MS eine Rolle spielt?
Die bisherige Forschung liefert Hinweise auf einen Zusammenhang. Sie beweist allerdings noch nicht, dass bestimmte Darmbakterien MS verursachen oder dass eine gezielte Veränderung des Mikrobioms den Krankheitsverlauf zuverlässig verbessert. Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 kommt beispielsweise zu dem Ergebnis, dass die Vielfalt des Darmmikrobioms in der Mehrzahl der untersuchten Studien nicht eindeutig mit Krankheitsaktivität oder Fortschreiten der Behinderung zusammenhing. Bei einzelnen Bakterienarten wurden dagegen Zusammenhänge beobachtet.
MS und Mikrobiom: Was passiert im Darm?
Das Darmmikrobiom kann mit dem Immunsystem interagieren. Bestimmte Bakterien können beispielsweise Stoffwechselprodukte bilden, die Entzündungsreaktionen beeinflussen.
Eine wichtige Gruppe sind sogenannte kurzkettige Fettsäuren. Sie entstehen unter anderem bei der Verarbeitung bestimmter Ballaststoffe durch Darmbakterien und können verschiedene Funktionen im Immunsystem beeinflussen.
Bei MS wird deshalb untersucht, ob Veränderungen der Darmflora möglicherweise zu einer veränderten Immunregulation beitragen. Dabei ist allerdings wichtig: Ein Zusammenhang bedeutet noch keine Ursache. Wenn bei Menschen mit MS bestimmte Bakterien häufiger oder seltener vorkommen, heißt das nicht automatisch, dass diese Veränderung den Krankheitsverlauf verursacht.
Dein Darmmikrobiom ist so individuell wie viele andere biologische Merkmale. Es wird unter anderem beeinflusst durch:
- Ernährung
- Medikamente
- Alter
- Bewegung
- Lebensstil
- Erkrankungen
- Umweltfaktoren
Auch MS-Therapien können mit Veränderungen des Mikrobioms in Verbindung stehen. Eine systematische Übersichtsarbeit zeigt, dass krankheitsmodifizierende MS-Therapien die Zusammensetzung des Darmmikrobioms beeinflussen können – die Bedeutung dieser Veränderungen ist aber noch nicht vollständig verstanden.
MS-Darmprobleme: Welche Beschwerden können auftreten?
Darmbeschwerden gehören nicht zu den Leitsymptomen der MS, können bei der Erkrankung aber durchaus vorkommen. Besonders häufig wird über Verstopfung berichtet. Sie kann unter anderem mit einer eingeschränkten Beweglichkeit, geringer körperlicher Aktivität, bestimmten Medikamenten oder einer verminderten Flüssigkeitsaufnahme zusammenhängen.
Auch andere Beschwerden können auftreten, beispielsweise:
- Blähungen und ein aufgeblähter Bauch bei MS
- unregelmäßiger Stuhlgang
- Durchfall
- Bauchschmerzen
- Schwierigkeiten bei der Darmentleerung
Wenn du MS und Darmbeschwerden gleichzeitig hast, solltest du deshalb nicht automatisch davon ausgehen, dass dein Mikrobiom die Ursache ist. Es gibt viele mögliche Auslöser. Auch Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes können unabhängig von MS Beschwerden verursachen. Lass es am besten ärztlich abklären.
MS und Durchfall: Steckt das Mikrobiom dahinter?
Bei MS und Durchfall liegt der Gedanke an eine veränderte Darmflora nahe – wissenschaftlich lässt sich daraus aber keine eindeutige Ursache ableiten. Akuter Durchfall kann beispielsweise durch Infektionen oder verdorbene Lebensmittel entstehen.
Wiederkehrender oder länger anhaltender Durchfall bei MS sollte dagegen ärztlich abgeklärt werden. Das gilt besonders, wenn zusätzlich Beschwerden wie Blut im Stuhl, starke Bauchschmerzen, Fieber, ungewollter Gewichtsverlust oder eine deutliche Verschlechterung des Allgemeinzustands auftreten.
Kann ein verändertes Mikrobiom den MS-Krankheitsverlauf beeinflussen?
Untersuchungen haben bei Menschen mit MS Unterschiede in bestimmten Bakteriengruppen gefunden. Eine systematische Übersichtsarbeit von 2024 wertete 23 Studien mit insgesamt 1.760 Menschen mit MS aus. Dabei zeigten sich bei einzelnen Bakterien Zusammenhänge mit verschiedenen MS-Ergebnissen. Gleichzeitig war die Datenlage aufgrund vieler Querschnittsstudien begrenzt.
Das Mikrobiom könnte tatsächlich eine Rolle spielen. Ob es den Krankheitsverlauf direkt beeinflusst, wie groß dieser Einfluss ist und welche Veränderungen günstig oder ungünstig sind, ist jedoch noch nicht abschließend geklärt. Deshalb wäre es zu früh, aus einzelnen Studien abzuleiten, dass eine bestimmte Ernährungsweise oder ein bestimmtes Nahrungsergänzungsmittel MS-Schübe verhindert.
Kann Ernährung das Mikrobiom bei MS beeinflussen?
Ja, Ernährung beeinflusst das Darmmikrobiom. Deshalb wird auch untersucht, ob Ernährungsinterventionen bei MS sinnvoll sein könnten. Einige kleinere Studien berichten beispielsweise über Veränderungen von Entzündungsmarkern oder bestimmten MS-Symptomen nach Ernährungsinterventionen.
Auch Kombinationen aus Ernährungsumstellung und sogenannten Synbiotika – einer Kombination aus Pro- und Präbiotika – wurden untersucht. Die Ergebnisse sind interessant, reichen aber noch nicht aus, um eine bestimmte Ernährung als Therapie der MS zu empfehlen.
Was kannst du selbst für deinen Darm tun?
Du musst keine komplizierte Spezialdiät beginnen. Sinnvoller ist es, auf eine insgesamt ausgewogene Ernährung zu achten. Dazu können beispielsweise gehören:
- ausreichend Gemüse und Obst
- ballaststoffreiche Lebensmittel wie Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte und Gemüse
- ausreichend Flüssigkeit
- regelmäßige Mahlzeiten, wenn sie dir guttun
- möglichst abwechslungsreiche Lebensmittel
Wenn du deine Ernährung stark verändern möchtest, kann eine Beratung durch eine qualifizierte Ernährungsfachkraft sinnvoll sein – insbesondere wenn du gleichzeitig andere Erkrankungen oder Unverträglichkeiten hast.
Sind Probiotika bei MS sinnvoll?
Probiotika enthalten lebende Mikroorganismen, die unter bestimmten Bedingungen einen gesundheitlichen Nutzen haben können. Auch bei MS werden sie untersucht. Einige klinische Studien fanden beispielsweise Veränderungen bestimmter Entzündungsmarker nach einer Probiotika-Einnahme. Andere Untersuchungen berichten über mögliche Effekte auf Fatigue oder bestimmte klinische Parameter.
Die Studien sind jedoch unterschiedlich aufgebaut und teilweise klein. Eine systematische Übersichtsarbeit zu Interventionen am Mikrobiom kommt deshalb zu dem Schluss, dass die Ergebnisse zwar vielversprechend sind, aber weitere Forschung notwendig ist. Probiotika sollten deshalb nicht als Ersatz für deine MS-Therapie verstanden werden. Wenn du ein Präparat ausprobieren möchtest, besprich das am besten mit deinen behandelnden Ärzt:innen.
Was tun bei MS-Darmproblemen?
Wenn dein Darm regelmäßig Beschwerden macht, musst du dich damit nicht einfach abfinden. Versuche zunächst, deine Beschwerden genauer zu beobachten. Hilfreich kann ein kleines Symptomtagebuch sein. Notiere beispielsweise:
- Welche Beschwerden treten auf?
- Wie häufig hast du Stuhlgang?
- Gibt es bestimmte Lebensmittel, nach denen Beschwerden stärker werden?
- Wie viel trinkst du?
- Welche Medikamente nimmst du?
- Gibt es einen Zusammenhang mit Bewegung oder Stress?
Diese Informationen können deinen Ärzt:innen bei der Suche nach möglichen Ursachen helfen. Bei MS und Magen-Darm-Problemen kann es außerdem sinnvoll sein, deine Medikamente überprüfen zu lassen. Manche Arzneimittel können auch die Verdauung beeinflussen.
Digitale Unterstützung bei MS-Fatigue: elevida
Du möchtest lernen, besser mit deiner Fatigue umzugehen und deine Energiereserven im Alltag bewusster einzusetzen?
elevida begleitet dich mit interaktiven Dialogen, praktischen Übungen und wissenschaftlich fundierten Strategien. Sie können dir dabei helfen, Erschöpfung besser zu verstehen und deinen Alltag trotz Fatigue aktiver und selbstbestimmter zu gestalten.
elevida ist für Menschen mit Multipler Sklerose und Fatigue auf Rezept erhältlich und wird von den gesetzlichen Krankenkassen vollständig übernommen. Die digitale Therapie kann ergänzend zu deiner bestehenden Behandlung genutzt werden.
Fazit – MS und Darmgesundheit ist ein spannendes Forschungsfeld
MS und der Darm sind enger miteinander verbunden, als lange angenommen wurde. Das Darmmikrobiom steht mit dem Immunsystem in Verbindung und könnte deshalb auch für die Entstehung und den Verlauf von MS relevant sein. Gleichzeitig ist die Forschung noch nicht weit genug, um daraus eine konkrete „Mikrobiom-Therapie“ für MS abzuleiten. Auch wenn bestimmte Bakterien bei Menschen mit MS häufiger oder seltener vorkommen, bedeutet das nicht automatisch, dass sie den Krankheitsverlauf verursachen.
Bei MS-Darmproblemen lohnt es sich deshalb, Beschwerden ernst zu nehmen und mögliche Ursachen ärztlich abklären zu lassen. Eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Bewegung und ein insgesamt gesundheitsfördernder Lebensstil können unabhängig davon wichtige Bausteine sein. Du musst dabei nicht nach der einen perfekten Ernährung oder dem einen Nahrungsergänzungsmittel suchen. Gerade bei MS ist es sinnvoll, Veränderungen gemeinsam mit deinen behandelnden Fachpersonen einzuordnen.