Nichtmedikamentöse Therapie bei MS: Was die Wissenschaft wirklich empfiehlt
Wenn du mit MS lebst, kennst du wahrscheinlich das Gefühl, möglichst viel selbst tun zu wollen. Neben Medikamenten liest du von bestimmten Ernährungsformen, Vitaminen, Nahrungsergänzungsmitteln oder alternativen Heilmethoden. Aber kann man MS auch ohne Medikamente behandeln? Tatsächlich gibt es mehrere nichtmedikamentöse Maßnahmen, deren Nutzen für bestimmte Beschwerden und die allgemeine Gesundheit gut belegt ist. Dazu gehören vor allem Bewegung, Rehabilitation, ein gesunder Lebensstil und Strategien zum Umgang mit Fatigue und anderen Symptomen. Erfahre alles Wichtige dazu in diesem Artikel.
MS-Therapie ohne Medikamente: Das Wichtigste kurz gefasst
- Eine Therapie bei MS ohne Medikamente kann wichtige Bestandteile der Behandlung umfassen, ersetzt aber nicht grundsätzlich eine notwendige verlaufsmodifizierende Therapie.
- Regelmäßige, individuell angepasste Bewegung kann bei MS unter anderem Mobilität und Fatigue unterstützen.
- Physiotherapie und andere Rehabilitationsmaßnahmen können helfen, Funktionen zu erhalten, Beschwerden zu bewältigen und den Alltag selbstständiger zu gestalten.
- Eine ausgewogene Ernährung ist sinnvoll für die allgemeine Gesundheit. Eine bestimmte „MS-Diät“ ist bislang nicht eindeutig als überlegen belegt.
- Vitamin D bei MS kann bei einem Mangel sinnvoll sein, gilt aber nicht als eigenständige MS-Therapie.
- Für Omega-3- oder Omega-6-Fettsäuren gibt es keine ausreichenden Belege dafür, dass sie Schübe oder das Fortschreiten der MS verhindern.
Was bedeutet eine nichtmedikamentöse Therapie bei MS?
Nichtmedikamentöse Behandlung bedeutet nicht, dass du auf medizinische Behandlung verzichten musst. Vielmehr geht es um Maßnahmen, die zusätzlich zu Medikamenten oder – je nach Ziel – unabhängig davon eingesetzt werden können.
Ein wichtiger Bereich ist die Rehabilitation. Sie kann sich beispielsweise auf Bewegung, Gleichgewicht, Kraft, Koordination oder den Umgang mit Fatigue konzentrieren. Dabei geht es nicht nur darum, körperliche Funktionen wiederherzustellen. Auch Strategien zur Anpassung und zum Ausgleich können helfen, den Alltag besser zu bewältigen. ECTRIMS betont, dass Rehabilitation möglichst früh beginnen und individuell auf die jeweiligen Herausforderungen ausgerichtet werden sollte.
Bewegung und Sport bei MS
Lange Zeit wurde Menschen mit MS teilweise geraten, sich körperlich möglichst zu schonen. Heute ist klar: Bewegung ist grundsätzlich sinnvoll und wird Menschen mit MS empfohlen.
Regelmäßige körperliche Aktivität hat nach den Empfehlungen von NICE keine schädliche Wirkung auf die MS und kann verschiedene Beschwerden positiv beeinflussen. Welche Bewegung geeignet ist, hängt von deinen Beschwerden und deinen persönlichen Möglichkeiten ab.
Je nach Situation können zum Beispiel folgende Sportarten infrage kommen:
- Ausdauertraining
- moderates Krafttraining
- Gleichgewichtsübungen
- Yoga oder Pilates
- individuell angepasste Alltagsbewegung
- Physiotherapie mit MS-spezifischer Expertise
Gerade bei Fatigue können Ausdauer-, Kraft- und Gleichgewichtstraining hilfreich sein. NICE empfiehlt außerdem, Menschen mit MS und Fatigue dabei zu unterstützen, langfristig körperlich aktiv zu bleiben. Dabei geht es nicht darum, möglichst viel zu trainieren. Ein realistischer Plan, der zu deinem Alltag und deinen körperlichen Möglichkeiten passt, ist meist hilfreicher als ein ambitioniertes Programm, das du nach kurzer Zeit wieder abbrechen musst.
Physiotherapie und Rehabilitation bei MS
Wenn MS deine Beweglichkeit, Koordination oder dein Gleichgewicht beeinträchtigt, kann Physiotherapie ein wichtiger Bestandteil der Behandlung sein. Ein:e Physiotherapeut:in mit MS-Erfahrung kann gemeinsam mit dir herausfinden, welche Ziele für dich relevant sind. Das können zum Beispiel sein:
- sicherer gehen
- Gleichgewicht verbessern
- Kraft erhalten oder aufbauen
- Beweglichkeit fördern
- Stürze vermeiden
- den Umgang mit körperlicher Erschöpfung verbessern
NICE empfiehlt bei Mobilitätsproblemen eine individuelle Beurteilung und gegebenenfalls eine Rehabilitation durch entsprechend qualifizierte Fachpersonen. Auch andere Berufsgruppen können Teil eines Reha-Teams sein – beispielsweise Ergotherapeut:innen, Logopäd:innen oder Psychotherapeut:innen. Welche Unterstützung sinnvoll ist, hängt von deinen individuellen Symptomen ab.
Welche nichtmedikamentöse Behandlung hilft bei MS-Fatigue?
Fatigue gehört für viele Menschen mit MS zu den besonders belastenden Beschwerden. Sie ist mehr als normale Müdigkeit und kann den Alltag erheblich einschränken.
Eine wichtige Voraussetzung für die Behandlung ist zunächst herauszufinden, welche Faktoren zur Erschöpfung beitragen. Denn Fatigue muss nicht ausschließlich durch die MS selbst entstehen. Auch Schlafprobleme, Schmerzen, Infektionen, Depressionen, Medikamente oder andere Erkrankungen können eine Rolle spielen.
Nichtmedikamentöse Strategien können unter anderem Energiemanagement und Priorisierung, eine Anpassung des Tagesablaufs, regelmäßige, angemessene Bewegung, Stressmanagement, kognitive Verhaltenstechniken, bewusste Pausen oder einen Umgang mit Hitze und Überforderung umfassen. NICE empfiehlt eine individuell abgestimmte Unterstützung zur Selbststeuerung der Fatigue. Dazu gehören unter anderem Energieeinsparung, Bewegung und Strategien aus dem Bereich der kognitiven Verhaltenstherapie.
Naturheilkunde und alternative Heilmethoden bei MS
Wahrscheinlich hast du schon von Weihrauch bei MS, speziellen pflanzlichen Präparaten, Kurkuma bei MS oder anderen naturheilkundlichen Verfahren gehört. Hier lohnt sich ein genauer Blick auf die wissenschaftliche Evidenz. „Natürlich“ bedeutet nicht automatisch „wirksam“ oder „nebenwirkungsfrei“. Manche Präparate können außerdem mit Medikamenten wechselwirken.
Wenn du Naturheilkunde oder eine alternative Behandlung ausprobieren möchtest, sprich deshalb offen mit deinem Behandlungsteam darüber. Du musst dich nicht zwischen „Schulmedizin“ und alternativen Ansätzen entscheiden. Wichtig ist, dass deine Behandlung sicher ist und du keine wirksame Therapie dadurch verzögerst oder absetzt.
Auch ein:e MS-Heilpraktiker:in kann keine ärztliche neurologische Behandlung ersetzen. Besonders bei einer chronischen Erkrankung wie MS ist es wichtig, Veränderungen des Krankheitsverlaufs medizinisch begleiten zu lassen.
Kann man MS ohne Medikamente behandeln?
Nach dem aktuellen wissenschaftlichen Stand gibt es keine Methode, mit der sich MS ohne Medikamente nachweislich heilen lässt. Nichtmedikamentöse Maßnahmen haben trotzdem einen wichtigen Stellenwert. Sie können helfen, Beschwerden zu bewältigen, körperliche Funktionen zu erhalten und die Lebensqualität zu unterstützen.
Verlaufsmodifizierende Medikamente verfolgen dagegen ein anderes Ziel: Sie sollen die Krankheitsaktivität beeinflussen. Deshalb sollte eine nichtmedikamentöse Therapie nicht automatisch als Alternative zu einer notwendigen medikamentösen Behandlung verstanden werden. Welche Kombination für dich sinnvoll ist, hängt von deinem MS-Verlauf und deinen persönlichen Zielen ab.
Was kannst du selbst bei MS tun?
Du musst nicht dein gesamtes Leben auf einmal verändern. Oft ist ein kleiner, realistischer Schritt ein guter Anfang. Überlege beispielsweise:
- Wie viel Bewegung passt aktuell in meinen Alltag?
- Welche Beschwerden möchte ich konkret verbessern?
- Wo verliere ich besonders viel Energie?
- Brauche ich Unterstützung durch Physiotherapie oder Rehabilitation?
- Gibt es Nahrungsergänzungsmittel, die ich einnehme, ohne dass ein konkreter Bedarf bekannt ist?
Besonders bei Fatigue kann es hilfreich sein, zunächst ein persönliches Ziel festzulegen, statt einfach „mehr zu machen“. So kannst du besser erkennen, welche Veränderung dir tatsächlich etwas bringt. Deine Erkenntnisse kannst du anschließend mit deinen Ärzt:innen besprechen.
Digitale Unterstützung bei MS-Fatigue: elevida
Du möchtest lernen, besser mit deiner Fatigue umzugehen und deine Energiereserven im Alltag bewusster einzusetzen?
elevida begleitet dich mit interaktiven Dialogen, praktischen Übungen und wissenschaftlich fundierten Strategien. Dabei geht es darum, Erschöpfung besser zu verstehen und deinen Alltag trotz Fatigue aktiver und selbstbestimmter zu gestalten.
elevida ist für Menschen mit Multipler Sklerose und Fatigue auf Rezept erhältlich und wird von den gesetzlichen Krankenkassen vollständig übernommen. Die digitale Therapie kannst du flexibel von zu Hause aus und ergänzend zu deiner bestehenden Behandlung nutzen.
Fazit – Nichtmedikamentöse MS-Therapie als Ergänzung der Behandlung
Nichtmedikamentöse Maßnahmen sind ein wichtiger Bestandteil einer ganzheitlichen MS-Behandlung. Besonders gut belegt sind individuell angepasste Bewegung, Rehabilitation und Strategien zum Umgang mit Beschwerden wie Fatigue.
Wenn du etwas verändern möchtest, musst du dabei nicht alles allein herausfinden. Deine Neurolog:innen und andere Fachpersonen können dich dabei unterstützen, aus den vielen Möglichkeiten diejenigen auszuwählen, die zu deinen Beschwerden und deinem Alltag passen – ein Schritt nach dem anderen.