Propionsäure bei MS: Was hinter dem Forschungsansatz steckt

Zusammenfassung

Wenn du mit Multipler Sklerose lebst, stößt du vielleicht immer wieder auf neue Forschungsansätze. Einer davon beschäftigt sich mit einem Stoff, den unser Körper eigentlich ganz selbstverständlich kennt: Propionsäure. Sie entsteht unter anderem im Darm, wenn bestimmte Ballaststoffe von Bakterien verstoffwechselt werden.

Forscher:innen untersuchen seit einigen Jahren, ob Propionsäure das Immunsystem beeinflussen und damit möglicherweise auch bei MS eine Rolle spielen könnte. Die Ergebnisse sind interessant – aber sie bedeuten noch nicht, dass Propionsäure bereits eine etablierte MS-Therapie ist. In diesem Artikel erfährst du, was hinter dem Forschungsansatz steckt, welche Verbindung zwischen Propionsäure und MS vermutet wird, was aktuelle Studien zeigen und warum du Propionsäure nicht einfach auf eigene Faust als Nahrungsergänzungsmittel einnehmen solltest.

Propionsäure bei MS: Das Wichtigste kurz gefasst

  • Propionsäure ist eine kurzkettige Fettsäure, die unter anderem von Darmbakterien gebildet wird.
  • Sie kann mit dem Immunsystem und dem Darmmikrobiom in Verbindung gebracht werden.
  • Bei Menschen mit MS wurden in früheren Studien teilweise niedrigere Propionsäurewerte beobachtet (vgl. Duscha et al., 2020).
  • Erste klinische Untersuchungen zeigten interessante immunologische und möglicherweise klinische Effekte.
  • Eine aktuelle Phase-2b-Studie von 2026 fand unter Propionsäure als Zusatztherapie eine stärkere Abnahme des Biomarkers Neurofilament-Leichtkette als unter Placebo. Die Studie war allerdings relativ klein und dauerte nur 90 Tage.
  • Propionsäure ist noch keine etablierte Standardtherapie für MS.

Was ist Propionsäure überhaupt?

Propionsäure – auch Propionat genannt – gehört zu den kurzkettigen Fettsäuren. Sie entsteht vor allem im Darm, wenn bestimmte unverdauliche Bestandteile unserer Nahrung von Darmbakterien abgebaut werden. Damit ist Propionsäure eng mit dem Mikrobiom verbunden. Das Mikrobiom bezeichnet die Gesamtheit der Mikroorganismen, die unter anderem unseren Darm besiedeln.

Diese Bakterien sind nicht nur für die Verdauung wichtig. Ihre Stoffwechselprodukte können auch mit anderen Bereichen des Körpers kommunizieren. Dazu gehört das Immunsystem. Genau diese Verbindung macht Propionsäure für die MS-Forschung interessant.

Welche Verbindung gibt es zwischen Propionsäure und MS?

MS ist eine entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der das Immunsystem Strukturen des eigenen Nervensystems angreift. Deshalb spielt die Regulation von Immunzellen eine wichtige Rolle. Forscher:innen interessieren sich insbesondere für sogenannte regulatorische T-Zellen, kurz Tregs. Sie tragen dazu bei, überschießende Immunreaktionen zu bremsen. Gleichzeitig sind unter anderem Th1- und Th17-Zellen an entzündlichen Immunreaktionen beteiligt.

In einer 2020 veröffentlichten Studie wurden bei Menschen mit MS niedrigere Propionsäurewerte im Blut und Stuhl festgestellt. Nach einer Propionsäure-Einnahme veränderte sich das Verhältnis verschiedener T-Zell-Populationen: Regulatorische T-Zellen nahmen zu, während Th1- und Th17-Zellen abnahmen. Das ist wissenschaftlich interessant, bedeutet aber noch nicht automatisch, dass Propionsäure den Verlauf der MS bei allen Betroffenen verbessert.

Was hat das Darmmikrobiom damit zu tun?

Der Darm ist ein wichtiger Lebensraum für zahlreiche Bakterien. Welche Arten dort vorkommen und welche Stoffwechselprodukte sie bilden, kann unter anderem von Ernährung, Medikamenten und anderen Faktoren beeinflusst werden. Bei MS werden Veränderungen des Darmmikrobioms untersucht. Ein möglicher Zusammenhang betrifft dabei die Produktion kurzkettiger Fettsäuren wie Propionsäure.

Der Forschungsansatz vereinfacht dargestellt: Nahrung wirkt sich auf Darmbakterien aus, das beeinflusst die Propionsäure und die Kommunikation mit dem Immunsystem. Dabei handelt es sich allerdings nicht um eine einfache Ursache-Wirkungs-Kette. Das Darmmikrobiom ist komplex, und noch ist nicht abschließend geklärt, welche Veränderungen bei MS Ursache, Folge oder Begleiterscheinung der Erkrankung sind.

Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung fand beispielsweise niedrigere Konzentrationen verschiedener kurzkettiger Fettsäuren vor allem bei Menschen mit länger bestehender MS, nicht aber bei Menschen mit früher MS. Das spricht dafür, dass die Zusammenhänge komplexer sein könnten als zunächst angenommen.

Propionsäure bei MS: Was zeigen die bisherigen Studien?

Die Forschung hat sich von ersten Beobachtungen inzwischen zu klinischen Studien weiterentwickelt. Wir stellen dir die wichtigsten Fakten hier vor:

Frühe Forschung: interessante immunologische Effekte

In einer frühen klinischen Untersuchung wurde Propionsäure sowohl bei Menschen ohne vorherige MS-Therapie als auch zusätzlich zu einer bestehenden Immuntherapie untersucht. Bereits nach zwei Wochen zeigte sich eine Zunahme funktionell kompetenter regulatorischer T-Zellen. In späteren Auswertungen wurden außerdem niedrigere Schubraten und eine Stabilisierung der Behinderung beschrieben.

Wichtig ist dabei: Diese Ergebnisse waren ein Ausgangspunkt für weitere Forschung und kein Beweis dafür, dass Propionsäure eine wirksame MS-Therapie darstellt.

Neue Phase-2b-Studie von 2026

Besonders interessant ist eine 2026 veröffentlichte randomisierte, doppelblinde Phase-2b-Studie. Dabei erhielten 101 Erwachsene mit klinisch stabiler MS entweder Propionsäure oder ein Placebo zusätzlich zu ihrer bestehenden Behandlung. Die Propionsäure-Gruppe nahm 500 mg zweimal täglich über 90 Tage ein.

Untersucht wurde unter anderem die Neurofilament-Leichtkette (sNfL). Dieser Blutwert kann als Biomarker für Schäden an Nervenzellen beziehungsweise Nervenfasern dienen. In der Propionsäure-Gruppe sank der sNfL-Wert innerhalb der 90 Tage signifikant. Außerdem zeigte sich ein Trend zu einer Verbesserung der motorischen Fatigue. Schwerwiegende Nebenwirkungen, die auf die Studienmedikation zurückgeführt wurden, traten nicht auf.

Das Ergebnis ist vielversprechend, aber es gibt wichtige Einschränkungen: Die Studie war relativ klein, wurde an einem einzelnen Zentrum durchgeführt und untersuchte die Behandlung nur über einen Zeitraum von 90 Tagen. Die Forschenden selbst sehen deshalb weitere größere und länger laufende Studien als notwendig an (vgl. Moser et al., 2026).

Welche Propionsäure bei MS verwenden?

Welche Propionsäure bei MS hilft, lässt sich nicht mit einer Empfehlung für ein bestimmtes frei verkäufliches Präparat beantworten. In klinischen Studien wird Propionsäure unter kontrollierten Bedingungen und in definierten Dosierungen eingesetzt. Das lässt sich nicht ohne Weiteres auf Nahrungsergänzungsmittel übertragen.

Wenn du über eine Einnahme nachdenkst, solltest du deshalb vorher mit deinen Fachärzt:innen sprechen. Das gilt insbesondere dann, wenn du bereits eine verlaufsmodifizierende MS-Therapie einnimmst. Propionsäure sollte außerdem nicht als Ersatz für eine medizinisch empfohlene MS-Therapie verstanden werden.

Kann die Ernährung bei MS die Propionsäureproduktion beeinflussen?

Da Propionsäure unter anderem durch Darmbakterien aus bestimmten Ballaststoffen gebildet wird, liegt die Frage nahe, ob eine entsprechende Ernährung bei MS helfen könnte. Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Ballaststoffen ist grundsätzlich sinnvoll. Daraus lässt sich aber nicht ableiten, dass eine bestimmte Ernährung oder die gezielte Steigerung von Propionsäure die MS behandelt.

Auch für andere Nahrungsergänzungsmittel bei MS ist die Studienlage häufig nicht eindeutig. Eine Übersichtsarbeit zu Ernährungsinterventionen kommt beispielsweise zu dem Schluss, dass für verschiedene Nahrungsergänzungen und Ernährungsansätze noch keine ausreichenden Belege für einen relevanten Einfluss auf den MS-Verlauf vorliegen (vgl. Parks et al., 2020). Eine ausgewogene Ernährung bei MS kann ein sinnvoller Bestandteil eines gesundheitsbewussten Lebensstils sein – sie ersetzt aber keine verlaufsmodifizierende Therapie.

Ist Propionsäure bereits eine MS-Therapie?

Nein. Auch wenn die bisherigen Forschungsergebnisse interessant sind, ist Propionsäure derzeit kein etablierter Bestandteil der Standardtherapie von MS. Die aktuellen Daten liefern Hinweise, die weitere Forschung rechtfertigen. Sie beantworten aber noch nicht alle wichtigen Fragen:

  • Welche Personen mit MS könnten besonders profitieren?
  • Welche Dosierung ist langfristig sinnvoll?
  • Wie lange sollte Propionsäure eingenommen werden?
  • Welche langfristigen Nebenwirkungen gibt es?
  • Welche Auswirkungen hat die Kombination mit unterschiedlichen MS-Therapien?
  • Verbessert Propionsäure tatsächlich langfristig Schübe, Behinderung oder Lebensqualität?

Gerade die letzten Punkte sind für die Beurteilung einer möglichen zukünftigen Therapie entscheidend. Es bleibt also nach wie vor spannend.

Was bedeutet das für dich?

Wenn du von Propionsäure bei MS gelesen hast und dir davon möglicherweise eine zusätzliche Behandlungsmöglichkeit erhoffst, ist deine Neugier verständlich. Forschung kann neue Perspektiven eröffnen – aber zwischen einem interessanten Forschungsansatz und einer etablierten Therapie liegt ein wichtiger Unterschied. Für dich bedeutet das vor allem:

  • Bestehende MS-Therapien nicht eigenständig verändern oder absetzen.
  • Nahrungsergänzungsmittel bei deinen behandelnden Ärzt:innen ansprechen.
  • Neue Forschungsergebnisse als das einordnen, was sie sind: Hinweise, die durch weitere Studien bestätigt werden müssen.
  • Auch andere beeinflussbare Faktoren wie Bewegung, Schlaf, Ernährung und der Umgang mit Fatigue in den Blick nehmen.

Gerade wenn Fatigue deinen Alltag stark belastet, kann es sinnvoll sein, nicht auf eine einzelne neue Substanz zu setzen, sondern verschiedene unterstützende Möglichkeiten kennenzulernen. Du musst da nicht alleine durch. Unterstützung anzunehmen ist ein Zeichen von Stärke.

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Fazit – Propionsäure bleibt ein spannender Forschungsansatz

Propionsäure bei MS ist ein Forschungsfeld, das die Verbindung zwischen Darmmikrobiom, Stoffwechsel und Immunsystem untersucht. Frühere Studien lieferten Hinweise auf immunregulatorische Effekte. Eine 2026 veröffentlichte Phase-2b-Studie zeigte zudem eine signifikante Abnahme des Biomarkers Neurofilament-Leichtkette nach 90 Tagen Propionsäure als Zusatztherapie.

Das sind interessante Ergebnisse, reichen aber noch nicht aus, um Propionsäure als etablierte MS-Therapie zu empfehlen. Größere und längerfristige Studien müssen zeigen, welche Bedeutung die Ergebnisse für Schübe, Behinderung, Fatigue und Lebensqualität tatsächlich haben. Wenn du dich für den Ansatz interessierst, kannst du das Thema mit deinem Behandlungsteam besprechen. So kannst du neue Forschung verfolgen, ohne dabei bewährte Behandlungsmöglichkeiten aus dem Blick zu verlieren.

Die wichtigsten Fragen & Antworten

Behandlung & Therapie

Propionsäure ist eine kurzkettige Fettsäure, die unter anderem von Darmbakterien gebildet wird. Forschende untersuchen, ob sie das Immunsystem beeinflussen und dadurch möglicherweise bei MS eine Rolle spielen kann. 

Nein. Es gibt derzeit keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass Propionsäure MS heilen kann. Die bisherigen Studien untersuchen mögliche immunologische und klinische Effekte und liefern Anhaltspunkte für weitere Forschung. 

Eine konkrete Empfehlung für ein frei verkäufliches Propionsäure-Präparat lässt sich aus der aktuellen Studienlage nicht ableiten. Die in Studien eingesetzte Propionsäure und deren Dosierung sind nicht automatisch mit Nahrungsergänzungsmitteln vergleichbar.

Quellen